Der König der Blöden

Mein Schüler ist 13 Jahre alt. Obwohl er nicht dumm und sicher auch kein schlechter Mensch ist, bedauere ich ihn – nicht weil seine Gestalt der einer trächtigen Kuh ähnelt, sondern weil er nicht Ansatzweise über deren Verstand, Aufmerksamkeit oder Interesse gebietet.

Er zeigt alle bedenklichen Merkmale, die eine Erziehung hervorbringt, wenn das Erziehen an Spielekonsolen, Smartphones und Computer outgesourcet wird. Er hat seit fünf Jahren privaten Musikunterricht, seit zwei Jahren bei mir. Sein Niveau ist auf dem Stand eines Schülers, der seit einem halben Jahr sein Instrument spielt. Es ist unbegreiflich. In der ersten Stunde dachte ich „Wie kann jemand so spielen, der schon drei Jahre Unterricht hat; was muss der vorige Lehrer da nur verbockt haben?!“ Es hat sich herausgestellt: Sein erster Lehrer war auch mein erster Lehrer und er ist zwar kein Profi, aber extrem versiert. An ihm lag es nicht.

Mein Schüler zeigt absolut keine Motivation und hat keinerlei Ziele, er versucht so gut es geht jegliche Anstrengungen zu vermeiden. Mir ist unklar, warum er Musik tut. Er tut Musik. Er spielt nicht, dazu ist er nicht fähig. Er übt nicht. Er tut Musik mit dem Instrument – einfach – irgendwie. Er ist halt körperlich anwesend, meistens. Oder so.

Die Odyssee mit diesem Schüler ist ein Drama und ich sollte mich eigentlich schämen, dass ich vollkommen nutzlos so viel Mühe, Arbeit und Geduld investiere, allein weil ich Geld dafür bekomme – wenngleich der Lohn auch nicht ansatzweise die Mühen und meine psychischen Schmerzen entschädigt.

Zu meiner Ehrenrettung will ich ganz nebenbei erwähnt haben, dass mir scheissegal ist, wie jemand aussieht und was für seltsame Wesenszüge er aufweist, solange er seine Mitmenschen anständig behandelt, im Ansatz gebildet oder intelligent oder am besten beides oder – falls keines davon – wenigstens aufgeschlossen und interessiert ist. Es gibt nunmal Menschen, die nicht besonders schnell verstehen und keine Chance auf Bildung hatten, das ist nicht deren Schuld und nicht schlimm und gerade die verdienen es meist, erläutert zu bekommen, was sie interessiert.

Des Weiteren labert er. Er quasselt, quatscht, schwadroniert, fantasiert, schwelgt und labert. Die Themenwahl begrenzt sich dabei auf all das, was den Lebensinhalt eines vollkommen uninteressierten 13-Jährigen Stubenhockers ausmacht, also Schule, Videospiele und die Katze, deren bloße physische Existenz auf Erden anscheinend durch Üben gefähredet ist. Ich habe vor und nach dem Unterricht nichts gegen einen Plausch, auch während des Unterrichts kann man sich mal unterhalten, dann natürlich über Musik. Aber dieser Schüler verfügt auch über keinerlei musikalisches Wissen.

Schlimmer: Er verfügt über kein Interesse.

Und noch schlimmer: Wenn man ihm etwas zeigt, richten sich die beiden Seh-Kugeln in seinem Gesicht oder die hörenden Hautlappen an den Seiten seines Kopfes auf ein Musikvideo, aber sein Geist ist woanders, wenn man das als Geist bezeichnen kann. Und wenn dieser Geist sich doch einmal auf die Nervenbahnen der Sinnesorgane verirrt, dann für maximal drei Sekunden. Er schaut auf das Display, hört tatsächlich kurz zu, dann wird sein Blick glasig und unfokussiert wie der eines Karpfens und irgendwann schaut er einfach weg.

Solange auf dem Display ein Geiger oder ein Pianist zu sehen ist, der einfach spielt – oder wenn sogar mal etwas Dramatisches, Brutales gezeigt wird; Tchaikovsky, Mahler, Shostakovich, also Sinfonien, die von Depression, Tod, Terror und Krieg handeln, auf denen 99% der heutigen Filmmusik basiert – selbst dann ist all das für diesen Schüler vollkommen unerheblich, weil auf dem Bildschirm nichts Explodiert, niemand auf jemanden schießt oder irgendwer röchelnd verblutet.

Die Kinder gewöhnen sich so sehr an diese Dystopie, die Mär von angenehm aufregendem, „schönen“ Terror, die für sie selbst natürlich eine Utopie darstellt, völlig frei von den echten, grausamen Gefühlen, der Angst, der Verzweiflung. Sie sind vollkommen desensibilisiert: Es muss niemanden wundern, wenn man sein überdrehtes Kind literweise mit Ritalin vollpumpen muss, wenn es schon im Kinderwagen auf dem iPad mit Counterstrike-Vlogs zugedröhnt wurde.

Marcel Reich-Ranicki, in dieser Szenerie der Untätigkeit eigentlich absolut deplatziert; eine der wenigen Personen, deren Intellekt ich es aber verzeihen würde, wenn sie ihr Leben so unmotiviert und desinteressiert im Bezug auf Mitmenschen verbringen würde, wie viel zu viele junge Leute heute.

Außerdem hat er zwei Chauffeure, die jederzeit bereitstehen. Mutti und Vati. Mein Schüler wohnt ungefähr 700 m vom Unterrichtsraum entfernt. Er könnte die Strecke in wenigen Minuten laufen. Er könnte sie in noch weniger Minuten mit dem Rad fahren. Aber natürlich kann er mich auch sitzen lassen und drei Minuten nach Unterrichtsbeginn eine SMS schicken, dass er es nicht schaffe, weil ihn niemand fahren könne, denn es sei keiner zu Hause.

Wie schon erwähnt, ich diskriminiere ungern Menschen, nur weil sie die Schöpfung „groß“ gedacht hat, was eine gewisse körperliche Behäbigkeit mit sich zieht. Ich diskriminiere aber sehr gerne und aus tiefstem Herzen Menschen, deren Behäbigkeit auf ihr soziales Verhalten abfärbt und sie respektloser Weise davon ausgehen, dass das eine Ausrede für Faulheit darstelle.

Ich wäre ja froh, wenn mein Schüler ab und zu Interesse zeigen würde. Aber da ist es wohl zu spät, drei Smartphones und eine PlayStation zu spät.

Glücklicherweise habe ich erkannt, dass ich absolut keine Lust auf Lehren habe und meine Zeit ungern damit verschwende, vielleicht einen von zehn Schülern auf Niveau für eine Hochschule-Aufnahmeprüfung zu bringen, um dann das Talent wegzuwerfen und Physik zu studieren. Es ist wirklich schade, ich unterrichte zwar extrem ungern, aber es gibt einmal alle tausend Jahre – wenn alle Sterne in einer Reihe stehen – Schüler, die wirklich Hoffnung auf den Nachwuchs machen und wirklich toll erzogen, aufrichtig und motiviert sind.

Leider sind das die glänzenden, fleißigen, interessierten – absoluten Ausnahmen.

Albert Schmelzkäs