Der Arztbesuch

Wie ich meinem lieben Freund schon viel zu oft berichtete, kam es mir schon im Oktober, dass ein Besuch beim hiesigen Pestarzt längst wieder anstünde. Meine vielzähligen Bekanntschaften bieten ebenso vielzählige Möglichkeiten, sich mit allerlei aufregenden und spannenden Krankheiten anzustecken. Sogar Krätze vererbte man mir schon – ein halbjähriges Dilemma, das mich die Freuden der Schlaflosigkeit, sagenhaften Juckreizes, der beim besten Willen nicht mehr als schmerzfrei zu deklarieren war und Gedanken an den postnatalen Abort, spüren ließ.

Da sich auch mein Dunstkreis an Bekanntschaften der Waagerechte und der fleischlichen Lüste inzwischen weit über zwei Dutzenden bewegt, hatte ich auch hier reichlich Gelegenheit, allerlei unterhaltsame wie mannigfaltige Übel anzusammeln, die den Paarungsapparat des Homo sapiens sapiens betreffen. Der Haken dabei ist allerdings, dass man nicht gleich merkt, was man sich eingefangen hat, als irgendwer irgendeine Flüssigkeit irgendwann irgendwo in irgendwen hinein verfrachtet hat.

Weil ich nun also ein so grausig ungeduldiger Mensch bin, fasste ich den Entschluss, die Inkubationszeit und Auswirkungen nicht abzuwarten und einen Medikus aufzusuchen, auf dass dieser mir offenbaren möge, wie es um des Pudels Kern steht. Und so begab ich mich zum Rechner, sandte eine Anfrage an die Ordination des Heilers und bekam – es war der 23., der vorletzte Dienstag im November – einen Termin für den 3.; wie ich gewissenhaft und überzeugt ausrechnete, also anderthalb Wochen später.

Tatsächlich dachte ich bei der Erzählung an erwähnten Freund, es handelte sich um Oktober und November, es hätte sich also einen Monat früher begeben als November und Dezember. Was hat die Zeit bis jetzt, bis Februar, nur aus mir gemacht? Die einfachsten Dinge werfe ich durcheinander, man müsste drum weinen und sich grämen, wenn es nicht so schrecklich irrelevant wäre. Doch viel schlimmer und tiefgreifender ist meine größte Verfehlung. In voller Überzeugung, die Geschehnisse passierten Oktober auf November, erzählte ich meinem lieben Freund davon, um ihm eben diese sagenhafte Geschichte nicht vorzuenthalten, die man kaum glauben kann, so man sie nicht selbst gelesen hat.

Und so habe ich ihn und mich selbst getäuscht. Ich habe ihm einen ganzen Monat Erzählung aufgebürdet, ein ehrloser Betrug, eine moralische Verfehlung, ein niederträchtiger Verrat an der Menschheit, das alles nur, weil ich zu faul, zu bequem, vielleicht zu feige war, mich mit meinen 23 langen Jahren, dieser ewigen Wegstrecke hinter mir, diesem fast geologischen Zeitraum, zur längst überfälligen Alzheimer-Vorsorgeuntersuchung zu begeben und meine Pflicht vor dem Volk, der Menschheit, Gott, Allah, JHWH, dem fliegenden Spaghettimonster und meiner eigenen Moral zu tun. Wie auch immer.

Jedenfalls nahte der Tag. Die Zeit dazwischen verging wie im Flug, ich schlief, trank, aß, urinierte, defäkierte, onanierte, musizierte, parlierte, badete, wohnte, saß, stand, lag, lief und atmete, doch dann war es soweit. Der 3. Dezember.

Ich erhob mich, brachte die Morgentoilette hinter mich, legte Kleidung an, stieg in die Stiefel, warf Wams und Schal über, ergriff den Zeitmesser und das Taschentelefon, schritt auf die Gasse, tränkte das mechanische Ross, kontrollierte die Luftigkeit der Hufbeschläge, striegelte die Keilriemen, justierte den beheizten Sattel, stieg auf, gab dem Rappen die Sporen und der heißdieselige Bajuwarer galoppierte davon.

Der Ritt führte den Hang hinauf, über die Felder gegen die Innenstadt, wo sich allerlei mehr Ritter mit ihren Rössern sammelten. Es kreuzte die sechsspurige Galopprennbahn, dann die elektrische Eisenbahn und ehe ich mich versah, an Alleen, Wohnburgen und aberwitzig hohen babylonischen Turmbauten vorbeigeritten, stand ich am Justizpalast der Stadt. Dort steht, immerda und auf ewig, das Parkhaus am Gericht. Das Ross verstaut, begann ich mein Pilgermartyrium, vorbei an Bettlern, Advokaten, Drogensüchtigen und weiteren ebenso derben Gestalten wie Polizisten und Passanten.

Eine Ecke hinter dem Parkhaus wich ich einer Tretmine aus, ein besonders gelungenes Exemplar, gut geformt, von kräftiger Farbe, eine feste Melange, dennoch fein strukturiert, zweifelsfrei aus dem geübten Labradorenrektum, wie für den Kenner und Aficionado schnell ersichtlich ist.

Ich lief, wie ich es beim letzten Termin dort schon einmal tat – vor einem halben Jahrzehnt – zum Gesundheitsamt, wo das letzte mal die Praxis des Baders fest errichtet schien. Als ich eintrat, zwischen gehetzten Mütterchen, verwirrten Fensterputzern und geleasten aktenordnerwagenschiebenden freiwillig sozialen Lohnsklaven, nahm mich trotz des Trubels eine emsige Palastwache sofort ins Visier. Ich stach stur, die Türen fixierend, auf den Fahrstuhl zu und wollte eben den Rufknopf betätigen, als ein gellender, wie von einer im Reißverschluss geklemmten Vorhaut ausgelöster Schrei durch den Saal schoss.

Wie hatte ich es gewagt? Ein Gebäude einfach zu betreten und eine Arztpraxis aufsuchen zu wollen, zumal mit Termin. Wahrscheinlich sollte ich mich nur anmelden und ausweisen und erklären und Fingerabdrücke geben und eine Knöchelhaar- wie Stuhlprobe, obwohl sich keinerlei Möbel im Foyer befanden. Doch es kam anders. Der feierlich ernste Büttel klärte mich auf, dass die Räume des Baders verwaist seien und eben dieser Medikus sich ein Gebäude weiter erneut einquartiert habe. Ich dankte und überließ den nützlichen Schergen seinem Fahrstuhl, seinem Herrn und seinem Schicksal und bog in eben dieses nächste Gebäude ein.

Die beiden mittagessenden und präkopulationsturtelnden Wachhabenden ignorierten mich höflich, ich bestieg den leider nicht von einem ansehnlichen, zuverlässigen, gut gekleideten, hilfreichen Liftboy, sondern einem Jahrzehnte alten, aber Jahrhunderte alt wirkenden elektronischen System gesteuerten und in nur etwas weniger als drei Mondumläufen herbeigerufenen Fahrstuhl und überließ mich meinem Schicksal. In Windeseile – ich hätte die Boodenbrooks während dieser Fahrt fast nicht komplett durchlesen können – verfrachtete mich der eiserne Kasten ins zweite Stockwerk, wo ich den während der Fahrt gewachsenen übervollen Rauschebart abrasierte und zur Praxis schritt.

Die eilfertige Pestarztvorzimmerdamenassistentin hastete herbei und öffnete, ich trat ein, nickte beim Vorbeigehen ins Wartezimmer und verschwand eine Tür weiter im Medikusvorzimmer. Ich trug der Terminmeisterin mein Anliegen und mein Nam‘ und Art vor und sie durchflog die Liste. Tatsächlich war ich unauffindbar. Sie durchsuchte sie immer wieder, mir schwante Übles und ich ergriff mein Telefon und rief meinen elektronischen Bestätigungsbrief auf.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ein gleißendes Licht blendete mich, die Wände brachen zur Seite ab, die Linoleumfliese, auf der ich stand, löste sich vom Boden, stieg auf, durch die Wolken, direkt in die Sonne und ich erkannte alles, ich sah alles; was die Welt im Kern zusammenhält, was diesen Zusammenhalt ins Wanken brachte, was drohte das Raum-Zeit-Kontinuum zu verzerren und die ganze Welt zu zerreißen wie eine berstende Supernova.

Ich hatte mich verlesen. Nicht der 03.12. war gebucht, das System wies mir den 03.02. zu. Wie soll das jemand lesen, der nur zwei Augen und ein Gehirn hat? Sind nicht alle Zahlen dasselbe? Sind sie nicht nur Schall und Rauch? Nein; sie sind noch nicht einmal Schall und Rauch – heute sind sie fließende Elektronen, Nullen und Einsen – das kann niemand mit nur zwei Augen und einem Gehirn auseinanderhalten.

Und so sah ich meinen Fehler ein, meine Niederlage vor der Terminmeisterin, der Pestarztvorzimmerdamenassistentin, dem Fahrstuhl, dem turtelnden Wachpärchen, der emsigen Palastwache, den Bettlern, Advokaten und Drogensüchtigen, der Hundescheiße und vor mir selbst.

Ich brach die Belagerung ab, trat die lange Reise wieder zur Heimat an und bestieg den Fahrstuhl. Wie viel Zeit habe ich hier drin schon verbracht? Mein Gott. Ich stieg aus, der Mülleimerleerer blickte mich an, als kannten wir uns schon tausend Jahre. Und… war dem nicht auch so? Habe ich nicht schon oft hier gestanden, im Foyer, im Aufzug, am Mülleimer, habe ihm so tief und innig in die Augen geblickt? Nein.

An der Ecke zum Parkhaus, da fand ich den Hauch von Trost, wie ihn nur ein alter Bekannter spenden kann und dieser Hundekot war mir schon mindestens eine halbe Stunde bekannt. Im Leben einer Eintagsfliege ist das fast ein Fünfzigstel. In Menschenzeit sind das anderthalb Jahre. Anderthalb Jahre sind in Labradorjahren knapp zwei Jahrzehnte. 20 Jahre also verbinden mich mit diesem Kackeklumpen, der erhaben und edel auf dem Gehweg wacht, fast drapiert wie eine saubere Zuckergussverzierung einer prächtigen Torte.

Ein ebenfalls der Juristerei verfallener Winkeladvokat, der sich wohl eben aus seinem flachen Zuffenhausener Vehikel geschält hatte, eilte um die Ecke. Seine Cognac-braunen, sauber gewichsten Oxfords mit Brouging und dunklen Ziernähten verfehlten die Wurst nur knapp; sie spritzte nicht auf seine dunkelgrünen Wollstrümpfe, sie hinterließ keine braunen Flecken auf seinem hellgrauen Nadelstreifenanzug und sie spritzte ihm auch nicht ins Innenfutter des Trenchcoat oder den Kaschmirschal über Weste und Krawatte und nicht auf die Aktentasche.

Ich bezahlte meinen Soll, stieg in den Wagen, fuhr aus dem Parkhaus und verschwand in der Welt.

Albert Schmelzkäs

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