24. Februar 2022 – Mein Protokoll

Über den Bruch des Mittelfußknochens und des Völkerrechts

Gestern, am 23., ist mir mein Rolladen kaputt gegangen. Ich habe ihn vor Jahren elektrifiziert, aber der Panzer hat schon fast 70 Jahre auf dem Buckel und ist einfach ausgerissen. Am Abend stehe ich im Hornbach in Gang 17 bei den Fenstern und bin verwirrt, dass die Rolläden dort nicht zu finden sind. Im Gegensatz zum direkten Hornbach-Konkurrenten in schweizer Nationalfarben ein paar hundert Meter weiter, bei dem man erstmal keine Mitarbeiter findet und schon gar keine, die einem irgendwie weiterhelfen könnten, erleuchtet mich der weise Herr aus Gang 17, in Gang 7 würde ich fündig und so ist es dann auch. Ich baue den Rolladen ein und lasse das Wartungsloch noch offen.

In Ukraine-Livetickern ist gegen Mitternacht die Rede von einer nächtlichen Notfalltagung des UN-Sicherheitsrates um 03:30 Uhr. Die Russen ständen kurz vorm Angriff und Putin ignoriere Selenskyjs Verhandlungsbitten.

Beim Nachrichtenlesen auf der Toilette schläft mir das Bein ein. So sehr, dass ich es nicht mehr belasten oder bewegen kann. Ich will aus dem Bad, stolpere über das taube Bein, der Fuß knickt nach hinten um und mein ganzes Gewicht landet darauf. Sehr laut knackt es einmal und kracht zwei mal und ehe ich registriere, was passiert ist liege ich schon auf dem Boden. Der Fuß ist immernoch taub und ich krieche ins Bett. Die Schmerzen kommen, das Bein wird wach, mir wird schlecht und kalt und ich beginne zu zittern. Einbeinig schraube ich die Klappe des Rolladenkastens zu, um nicht mehr zu frieren. Daran lag es nicht. Es ist 2 Uhr am Morgen, in der Wohnung meiner Eltern breche ich mit Schüttelfrost, Schwindel und einem sagenhaften Tinnitus zusammen.

Im Wartezimmer der Notaufnahme lese ich auf Twitter die Gedanken eines ukrainischen Reporters. Er beschreibt seine Gefühle, seine Ängste, den Horror der Nächte der letzten Wochen. Die Angst, im Krieg aufzuwachen oder gar nicht mehr aufzuwachen. Er sorgt sich um seine Familie und mögliche Notfallpläne.

Mit Krücken wackele ich durch das stille Krankenhaus zur Radiologin, die extra aufgestanden ist. Sie sagt mir, ich soll unbedingt absolut vorsichtig zurück in die Notaufnahme laufen.

Erneut im Wartezimmer starre ich entgeistert auf mein Handy. Russland greift die Ukraine an. Luftschläge, Raketen, Panzer und enorme Truppenbewegungen. Wer hätte gedacht, dass die Katastrophe so nah ist? Gut, vielleicht alle die es prophezeit haben und da lagen die Amerikaner leider sehr richtig mit ihren Warnungen.

Das Röntgen offenbart, der äußere Mittelfußknochen ist gebrochen, zudem sind die Außenbänder gerissen. Wunderbar. Vielleicht muss operiert werden, aber erstmal darf ich nach Hause. In jedem Fall darf ich als Spritzenphobiker mir jeden Tag eine Thrombosespritze in den Bauch hauen. Unfassbar schmerzhaft. Ich überlege, was passiert, wenn ich es nicht tue. Thrombosen führen schnell zu Lungenembolien und die schnell zum Tod. Letztes Jahr hatte ich mir überlegt, eine Patientenverfügung zu verfassen, die jede medizinische Behandlung im Notfall untersagt, um einen Unfall nicht zu überleben und als Ausweg zu nutzen. So muss man es nicht nach einem Unfall aussehen lassen, es ist schlichtweg einer. Aber eine Lungenembolie ist nicht sicher, ein Bänderriß und Knochenbruch nicht lebensbedrohlich und eine Patientenverfügung habe ich auch nicht. Aber eine Betäubungscreme aus Korea, die kaum legal in Deutschland ist, aber die Spritze möglich macht.

Zuhause angekommen lese ich von ersten Maßnahmen anderer Länder. Sanktionen. Rein wirtschaftlich. Die Ukraine haben wir ja schon unterstützt. 5000 Helme. Gut, die sind gar nicht erst angekommen, weil dieser Drecksladen selbst mit Stuhlgang überfordert zu sein scheint, aber die Geste zählt. Was hätte Deutschland sonst tun sollen? Waffen liefern? Welche Waffen? Gewehre die nicht geradeaus schießen? Flugzeuge die nicht fliegen? Panzer die nicht fahren? McDonald‘s-Gutscheine, das ungefähr ist das Niveau mit dem die Bundeswehr anderen noch beispringen könnte. Nur sind selbst die längst abgelaufen, sobald der Transport erfolgt.

Als ich aufwache hat sich der Fuß beruhigt. Ich spüre kaum etwas. Er ist warm und solange ich nur auf der Ferse auftrete, ist alles schmerzfrei.

Ich lese, dass die Sanktionen hart werden sollen. Aber natürlich nicht so hart, dass es Russland schaden könnte. Das würde ja auch uns schaden. Und Russland im eigenen Gas ersticken lassen geht auch nicht, Pipelines einfach schließen geht nicht. Trotzdem ist Nord Stream 2 gestorben. Also es ist gestoppt. Also auf Eis gelegt. Für den Moment. Erstmal. Vorübergehend. Kurz. Viele Staaten erklären, Russland aus dem Zahlungssystem SWIFT ausschließen zu wollen. Deutschland hingegen wird so besonnen sein und diese Maßnahme drei Tage blockieren, weil Frieden zwar wichtig ist, weil die deutsche Wirtschaft aber einfach viel wichtiger ist. Mit der Bundeswehr können wir an keinem Krieg teilnehmen, also auch eigentlich an keinem Frieden, deswegen heißt unser Spiel ,Wirtschaft‘. Immerhin wird einer Handvoll russischen Oligarchen der Zugriff auf ihre Konten verwehrt. Also nicht sofort. In den nächsten Tagen. Wer hätte damit rechnen können, dass Putin angreift? Das waren doch bloß 150.000 Soldaten, die innerhalb kurzer Zeit vor den ukrainischen Grenzen geparkt wurden. Und die USA haben es ja auch erst seit zwei Wochen vorausgesagt. Und diverse russische Generäle seit einem halben Jahr. Wer hätte damit rechnen können? So fair muss man deshlab auch gegenüber ruchlosen, geldgeilen Oligarchen sein. Wer sein Konto nicht schon die letzten Tage leer geräumt hat, kann auch hier auf die Tatkraft und blitzschnelle Handlungsfähigkeit deutscher Politik und Verwaltung im 21. Jahrhundert vertrauen.

Ich frühstücke. Es ist 15 Uhr. Nebenbei läuft „Hannibal“ der letzte Film aus der Hannibal Lecter-Trilogie. Es geht um einen kannibalistischen, psychopathischen universalgelehrten Psychiater, der mordend sein Unwesen treibt.

Währenddessen verkündet ein kommunistisch, psychopathischer ungelehrter Präsidentendarsteller, der mordend sein Unwesen treibt, ganz offen, dass es zu einem Atomkrieg kommt, wenn sich jemand in den Ukraine-Konflikt einmischt. Tja, kaum fällt man mal in ein Land ein und stellt es als den Aggressor dar, schon ist man der Buhmann. Das gab es doch früher nicht. Oh, Moment, doch. 83 Jahre ist es her. Gut, dass Putin es immerhin nicht auf Juden abgesehen hat. Das wäre der Gipfel. Und er sagt ja auch, dass es ihm konkret um eine Entwaffnung und „Entnazifizierung“ geht. Der erste der Sterben soll ist lediglich Selenskyj. Ein Jude, der eine Partei gegründet hat, die bei der Wahl 43,16% und die meisten Direktmandate und damit die absolute Mehrheit abräumte, sich für direkte Demokratie, ein Lobbygesetz und gegen Korrpution einsetzt. Also offensichtlich eine Person, die es zu „entnazifizieren“ gilt, indem sie ermordet wird.

Der 24. Februar 2022. Der Tag, an dem Adolf Putin in der Ukraine einfiel und den dritten Weltkrieg vom Zaun brach, während ich zuhause umfiel und mir den Fuß brach. Vermutlich einer der schlimmsten Tage in meinem Leben. Bisher.

Klar sein muss aber:
Der russische Staatspräsident geriert sich in Worten und Taten genauso wie Adolf Hitler und die Ukraine hat genauso wenig am Einmarsch der Russen Schuld, wie die Polen am Überfall der Nazis.
Die NATO und EU sollte Schweden und Finnland im Eilverfahren aufnehmen, sämtliches Kriegsmaterial und Truppen in Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Griechenland und der Türkei parken und mit Ankündigung jede MIG, Suchoi und Tupolew vom Himmel holen, die die Grenze ohne Genehmigung in Richtung Westen überfliegt.

Putin muss sofort aus dem Weg geräumt werden.

Albert Schmelzkäs

Der Arztbesuch

Wie ich meinem lieben Freund schon viel zu oft berichtete, kam es mir schon im Oktober, dass ein Besuch beim hiesigen Pestarzt längst wieder anstünde. Meine vielzähligen Bekanntschaften bieten ebenso vielzählige Möglichkeiten, sich mit allerlei aufregenden und spannenden Krankheiten anzustecken. Sogar Krätze vererbte man mir schon – ein halbjähriges Dilemma, das mich die Freuden der Schlaflosigkeit, sagenhaften Juckreizes, der beim besten Willen nicht mehr als schmerzfrei zu deklarieren war und Gedanken an den postnatalen Abort, spüren ließ.

Da sich auch mein Dunstkreis an Bekanntschaften der Waagerechte und der fleischlichen Lüste inzwischen weit über zwei Dutzenden bewegt, hatte ich auch hier reichlich Gelegenheit, allerlei unterhaltsame wie mannigfaltige Übel anzusammeln, die den Paarungsapparat des Homo sapiens sapiens betreffen. Der Haken dabei ist allerdings, dass man nicht gleich merkt, was man sich eingefangen hat, als irgendwer irgendeine Flüssigkeit irgendwann irgendwo in irgendwen hinein verfrachtet hat.

Weil ich nun also ein so grausig ungeduldiger Mensch bin, fasste ich den Entschluss, die Inkubationszeit und Auswirkungen nicht abzuwarten und einen Medikus aufzusuchen, auf dass dieser mir offenbaren möge, wie es um des Pudels Kern steht. Und so begab ich mich zum Rechner, sandte eine Anfrage an die Ordination des Heilers und bekam – es war der 23., der vorletzte Dienstag im November – einen Termin für den 3.; wie ich gewissenhaft und überzeugt ausrechnete, also anderthalb Wochen später.

Tatsächlich dachte ich bei der Erzählung an erwähnten Freund, es handelte sich um Oktober und November, es hätte sich also einen Monat früher begeben als November und Dezember. Was hat die Zeit bis jetzt, bis Februar, nur aus mir gemacht? Die einfachsten Dinge werfe ich durcheinander, man müsste drum weinen und sich grämen, wenn es nicht so schrecklich irrelevant wäre. Doch viel schlimmer und tiefgreifender ist meine größte Verfehlung. In voller Überzeugung, die Geschehnisse passierten Oktober auf November, erzählte ich meinem lieben Freund davon, um ihm eben diese sagenhafte Geschichte nicht vorzuenthalten, die man kaum glauben kann, so man sie nicht selbst gelesen hat.

Und so habe ich ihn und mich selbst getäuscht. Ich habe ihm einen ganzen Monat Erzählung aufgebürdet, ein ehrloser Betrug, eine moralische Verfehlung, ein niederträchtiger Verrat an der Menschheit, das alles nur, weil ich zu faul, zu bequem, vielleicht zu feige war, mich mit meinen 23 langen Jahren, dieser ewigen Wegstrecke hinter mir, diesem fast geologischen Zeitraum, zur längst überfälligen Alzheimer-Vorsorgeuntersuchung zu begeben und meine Pflicht vor dem Volk, der Menschheit, Gott, Allah, JHWH, dem fliegenden Spaghettimonster und meiner eigenen Moral zu tun. Wie auch immer.

Jedenfalls nahte der Tag. Die Zeit dazwischen verging wie im Flug, ich schlief, trank, aß, urinierte, defäkierte, onanierte, musizierte, parlierte, badete, wohnte, saß, stand, lag, lief und atmete, doch dann war es soweit. Der 3. Dezember.

Ich erhob mich, brachte die Morgentoilette hinter mich, legte Kleidung an, stieg in die Stiefel, warf Wams und Schal über, ergriff den Zeitmesser und das Taschentelefon, schritt auf die Gasse, tränkte das mechanische Ross, kontrollierte die Luftigkeit der Hufbeschläge, striegelte die Keilriemen, justierte den beheizten Sattel, stieg auf, gab dem Rappen die Sporen und der heißdieselige Bajuwarer galoppierte davon.

Der Ritt führte den Hang hinauf, über die Felder gegen die Innenstadt, wo sich allerlei mehr Ritter mit ihren Rössern sammelten. Es kreuzte die sechsspurige Galopprennbahn, dann die elektrische Eisenbahn und ehe ich mich versah, an Alleen, Wohnburgen und aberwitzig hohen babylonischen Turmbauten vorbeigeritten, stand ich am Justizpalast der Stadt. Dort steht, immerda und auf ewig, das Parkhaus am Gericht. Das Ross verstaut, begann ich mein Pilgermartyrium, vorbei an Bettlern, Advokaten, Drogensüchtigen und weiteren ebenso derben Gestalten wie Polizisten und Passanten.

Eine Ecke hinter dem Parkhaus wich ich einer Tretmine aus, ein besonders gelungenes Exemplar, gut geformt, von kräftiger Farbe, eine feste Melange, dennoch fein strukturiert, zweifelsfrei aus dem geübten Labradorenrektum, wie für den Kenner und Aficionado schnell ersichtlich ist.

Ich lief, wie ich es beim letzten Termin dort schon einmal tat – vor einem halben Jahrzehnt – zum Gesundheitsamt, wo das letzte mal die Praxis des Baders fest errichtet schien. Als ich eintrat, zwischen gehetzten Mütterchen, verwirrten Fensterputzern und geleasten aktenordnerwagenschiebenden freiwillig sozialen Lohnsklaven, nahm mich trotz des Trubels eine emsige Palastwache sofort ins Visier. Ich stach stur, die Türen fixierend, auf den Fahrstuhl zu und wollte eben den Rufknopf betätigen, als ein gellender, wie von einer im Reißverschluss geklemmten Vorhaut ausgelöster Schrei durch den Saal schoss.

Wie hatte ich es gewagt? Ein Gebäude einfach zu betreten und eine Arztpraxis aufsuchen zu wollen, zumal mit Termin. Wahrscheinlich sollte ich mich nur anmelden und ausweisen und erklären und Fingerabdrücke geben und eine Knöchelhaar- wie Stuhlprobe, obwohl sich keinerlei Möbel im Foyer befanden. Doch es kam anders. Der feierlich ernste Büttel klärte mich auf, dass die Räume des Baders verwaist seien und eben dieser Medikus sich ein Gebäude weiter erneut einquartiert habe. Ich dankte und überließ den nützlichen Schergen seinem Fahrstuhl, seinem Herrn und seinem Schicksal und bog in eben dieses nächste Gebäude ein.

Die beiden mittagessenden und präkopulationsturtelnden Wachhabenden ignorierten mich höflich, ich bestieg den leider nicht von einem ansehnlichen, zuverlässigen, gut gekleideten, hilfreichen Liftboy, sondern einem Jahrzehnte alten, aber Jahrhunderte alt wirkenden elektronischen System gesteuerten und in nur etwas weniger als drei Mondumläufen herbeigerufenen Fahrstuhl und überließ mich meinem Schicksal. In Windeseile – ich hätte die Boodenbrooks während dieser Fahrt fast nicht komplett durchlesen können – verfrachtete mich der eiserne Kasten ins zweite Stockwerk, wo ich den während der Fahrt gewachsenen übervollen Rauschebart abrasierte und zur Praxis schritt.

Die eilfertige Pestarztvorzimmerdamenassistentin hastete herbei und öffnete, ich trat ein, nickte beim Vorbeigehen ins Wartezimmer und verschwand eine Tür weiter im Medikusvorzimmer. Ich trug der Terminmeisterin mein Anliegen und mein Nam‘ und Art vor und sie durchflog die Liste. Tatsächlich war ich unauffindbar. Sie durchsuchte sie immer wieder, mir schwante Übles und ich ergriff mein Telefon und rief meinen elektronischen Bestätigungsbrief auf.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ein gleißendes Licht blendete mich, die Wände brachen zur Seite ab, die Linoleumfliese, auf der ich stand, löste sich vom Boden, stieg auf, durch die Wolken, direkt in die Sonne und ich erkannte alles, ich sah alles; was die Welt im Kern zusammenhält, was diesen Zusammenhalt ins Wanken brachte, was drohte das Raum-Zeit-Kontinuum zu verzerren und die ganze Welt zu zerreißen wie eine berstende Supernova.

Ich hatte mich verlesen. Nicht der 03.12. war gebucht, das System wies mir den 03.02. zu. Wie soll das jemand lesen, der nur zwei Augen und ein Gehirn hat? Sind nicht alle Zahlen dasselbe? Sind sie nicht nur Schall und Rauch? Nein; sie sind noch nicht einmal Schall und Rauch – heute sind sie fließende Elektronen, Nullen und Einsen – das kann niemand mit nur zwei Augen und einem Gehirn auseinanderhalten.

Und so sah ich meinen Fehler ein, meine Niederlage vor der Terminmeisterin, der Pestarztvorzimmerdamenassistentin, dem Fahrstuhl, dem turtelnden Wachpärchen, der emsigen Palastwache, den Bettlern, Advokaten und Drogensüchtigen, der Hundescheiße und vor mir selbst.

Ich brach die Belagerung ab, trat die lange Reise wieder zur Heimat an und bestieg den Fahrstuhl. Wie viel Zeit habe ich hier drin schon verbracht? Mein Gott. Ich stieg aus, der Mülleimerleerer blickte mich an, als kannten wir uns schon tausend Jahre. Und… war dem nicht auch so? Habe ich nicht schon oft hier gestanden, im Foyer, im Aufzug, am Mülleimer, habe ihm so tief und innig in die Augen geblickt? Nein.

An der Ecke zum Parkhaus, da fand ich den Hauch von Trost, wie ihn nur ein alter Bekannter spenden kann und dieser Hundekot war mir schon mindestens eine halbe Stunde bekannt. Im Leben einer Eintagsfliege ist das fast ein Fünfzigstel. In Menschenzeit sind das anderthalb Jahre. Anderthalb Jahre sind in Labradorjahren knapp zwei Jahrzehnte. 20 Jahre also verbinden mich mit diesem Kackeklumpen, der erhaben und edel auf dem Gehweg wacht, fast drapiert wie eine saubere Zuckergussverzierung einer prächtigen Torte.

Ein ebenfalls der Juristerei verfallener Winkeladvokat, der sich wohl eben aus seinem flachen Zuffenhausener Vehikel geschält hatte, eilte um die Ecke. Seine Cognac-braunen, sauber gewichsten Oxfords mit Brouging und dunklen Ziernähten verfehlten die Wurst nur knapp; sie spritzte nicht auf seine dunkelgrünen Wollstrümpfe, sie hinterließ keine braunen Flecken auf seinem hellgrauen Nadelstreifenanzug und sie spritzte ihm auch nicht ins Innenfutter des Trenchcoat oder den Kaschmirschal über Weste und Krawatte und nicht auf die Aktentasche.

Ich bezahlte meinen Soll, stieg in den Wagen, fuhr aus dem Parkhaus und verschwand in der Welt.

Albert Schmelzkäs

Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha

Die Oper. Der Abend verspricht so vieles – Brillanz, Exzellenz, Virtuosität und ein Publikum, dessen noble Gewänder so extraordinär wie ihre Träger anmuten.

Falsch.
Aber fangen wir vorne an.

Der handelsübliche Opernbesucher kommt – zumindest in Frankfurt – mit der U-Bahn. In den meisten Städten steht “U” für Untergrund, hier hingegen meint es “unabhängig”, weil die Bahnen zwar auch überirdisch, aber nicht wie Straßenbahnen auf der Straße, sondern in einem eigenen Netz fahren. “Unabhängig” ist ein Begriff, der den Frankfurter Nahverkehr nicht schlechter beschreiben könnte. Abhängig von der Instandhaltung der Bahnen, der Instandhaltung der Gleise, dem Wetter, dem Trunkenheitszustand des Fahrgast-Pöbels, den Gezeiten, der Sternenkonstellation, dem durchschnittlichen Blutzuckergehalt afrikanischer Lannerfalken und nicht zuletzt abhängig von der Uhrzeit (+/- 10 Minuten, versteht sich). Dieser einfache Pöbel, auf dem Rückweg von der Spätschicht oder auf dem Weg zur Nachtschicht, das Fußvolk also, darf sich an der exorbitanten Aufmachung und der Atmosphäre flirrenden Intellekts erfreuen. Lediglich das Publikum aus Bad Homburg, ein obszönes Dorf nördlich Frankfurts, das es versteht, absurd enormen Reichtum, wahnwitzige Geschmacklosigkeit und unfassbare Abgekoppeltheit von der Welt mit einem herrlichen Kurpark und starkem Intellekt zu kaschieren – dieses Publikum also reist selbstverständlich mit der Staatskarosse an und parkt diese erfrischend unansehnlich konfigurierte, seit Wochen nicht gewaschene – daher wie nach einer Safari durch die Serengeti anmutende – S-Klasse in der Tiefgarage.

Man trottet aus allen Himmelsrichtungen herbei vor den Haupteingang. Dort treffen sich sogenannte Leute; zukünftige Schwiegereltern, die in Augenschein nehmen wollen, was ihre liebe Tochter ihnen als Zukünftigen unterzujubeln versucht, Ehepaare, die gerade „Beziehungspause“ machen und hoffen, ihrem Bund fürs Leben mit einem solchen Abend endgültig den Rest zu geben und pubertierende, geschmackfrei gekleidete Grüppchen, die eine verzweifelte Lehrerin notdürftig instruiert, um den Abend nicht vollkommen aus dem Ruder laufen zu lassen.

Auch ich bin da und warte auf meinen Kommilitonen, denn auch wir Musikstudenten müssen ab und zu inspizieren, was wir uns da eigentlich die nächsten 50 Jahre beruflich anzutun gedenken. Nachdem wir von diversen Obdachlosen um „etwas Kleingeld für eine Fahrt nach Litauen“ gebeten wurden, betreten wir das Gebäude.
Es ist ein erstaunlich hässlicher Glaskasten. In einem Innenhof ist für die Eingeweihten noch die historische Jugendstil-Fassade zu erkennen, der Rest wurde in bester Nachkriegsmanier überspachtelt, um ihn 1962 wirkungsvoller modernistisch verhunzen zu können. An der Abendkasse stehen Vereinsamte, die noch die traurigen Reste des Stuhlangebots zu ergattern versuchen, wobei “Stuhlangebot” in diesem Sinne eher im Veranstaltungsbetrieb und weniger im proktologischen Metier anzusiedeln ist.

„”Siegfried” ist heute, Donnerstag ist “Martha”“. So, so. Einer der bedauerlicherweise in Stoff gehüllten Jünglinge am Eingang, offensichtlich Apollon höchst selbst, versucht meinen dionysisch lodernden Geist vergeblich von seiner Attraktivität abzulenken, indem er meine Eintrittskarte scannt. Dieses mögliche, vielversprechende erotische Abenteuer hinter mir lassend, betreten wir das Foyer.

Eine Wolke aus Gesprächen, Champagnerprickeln und hitzigen Diskussionen mit dem Garderobenpersonal stößt uns wie der warme Blutdampf aus einem Schlachthausfenster in einer kühlen Herbstnacht entgegen. Es beginnt das Schaulaufen. Auf dem Weg zum Saaleingang werden meine obszön knalligen Schuhe anerkennend von einem dutzend Damen bewundert, deren Gatten sprachlos und entsetzt eine Miene des Verständnis vorzutäuschen versuchen. Allerdings nicht sehr gaubwürdig – (I hoab eich duachschaut, Buaschn!, denke ich).

Wir betreten den Saal. Er ist fast leer, selbstverständlich, es sind zehn Minuten bis Vorstellungsbeginn und somit zehn(!) Minuten, die nicht versäumt werden dürfen, die Sektbar zu plündern. Was ist schon eine Opernvorstellung ohne ordentlich Normpegel? Wir setzen uns und tauschen Floskeln der Vorfreude aus.

Dann ist es aber soweit. Anscheinend. Es kann nicht mehr lange dauern, auf einmal strömen die Massen herbei. Wir stehen auf, eine Dame, deren Dekolleté dem Alter und der Schwerkraft nachgegeben hat, schiebt sich in einem schreiend roten Kleid mit grellgelben abstrakten Mustern an uns vorbei. Sie bedankt sich freundlich, was ich aus ihrem Tonfall schließe, denn aus ihrer Mimik ist nichts zu lesen. Es fällt mir sehr schwer zu deuten, entweder ist sie Botox-Junky, trägt ihre Totenmaske probe oder es haftet mehr Spachtelmasse an der Vorderseite ihres Schädels, als ein Stuckateur für eine mittelgroße Kathedrale aufwenden würde. Auch die Kolorierung ihres Antlitz lässt Raum zur Spekulation. Ob sie einen Clown als Maskenbildner engagiert hat? Ob sie Teil der Inszenierung ist und deswegen aussieht wie ein geplatztes Sofakissen? Vielleicht aber ist sie auch einfach ein großer Jackson Pollock-Fan.

Wir setzen uns erneut. Die Türen werden geschlossen. Das Licht erlischt, der Orchestergraben leuchtet auf wie ein Reaktorbecken. Dann öffnet sich die Tür unserer Reihe erneut!? Nacheinlass… Ein Mann hechtet panisch durch die Reihe und versäumt es nicht, jedem einzelnen das Rektum dabei durchs Gesicht zu reiben.

Die Gespräche lassen nach, die Oboe gibt ein A, das Orchester stimmt und ich höre einzelne Musiker im Gewirr noch ein letztes mal panisch ihre Angst-Solostellen durchspielen. Der Dirigent betritt den Graben und wühlt sich zum Pult vor. Die Herrschaften hinter mir sind schon sehr gespannt. Sie machen keinen Hehl daraus, sich das mitzuteilen – und natürlich auch allen anderen. Das Vorspiel zu Lohengrin beginnt. Zart, leise, fein. „Ganz toll, diese Spannung, diese Stille, wirklich hin-rei-ßend“, befindet die Dame neben mir lautstark in die Stille. Ich versuche mich zu konzentrieren. Acht Reihen vor mir krepiert etwas später ein Greis an einem Hustenanfall und liefert sich einen dissonanten Kampf mit dem Chor, der inzwischen pünktlich eine zwanzigstel Sekunde hinter dem Orchester zu singen beginnt. „Ob die auch alle ihr Jodeldiplom haben?“, frage ich mich in Hinblick auf das seismische Vibrato.

Es wird wieder still. Eine Frau im Rang schneuzt sich die Nase. Augenscheinlich hat sie Polypen, lässt der Klang des Gerotzten schließen. Mein Freund beugt sich zu mir und bemerkt in einer Lautstärke, die er als „Flüstern“ empfindet, die aber selbst im Orchestergraben noch gut verständlich ist, dass das Parfum der Dame vor uns faszinierend und potent duftet. Er ist der festen Überzeugung, dass sie davon nichts mitbekommen habe, wobei mich die Tatsache zweifeln lässt, dass sie sich bei den Worten „Mein Gott, was stinkt hier so grottig nach 4711, die Trulla mit dem Toupet?“ entsetzt umwendet.

Passend zu Lohengrins Schwanen-Arie im letzten Akt stimmt das Hörgerät eines Herren, der schon im Vorspiel eingeschlafen war (wie er es sicherlich vom ehelichen Geschlechtsakt gewohnt ist), ein Duett mit dem Sänger an. Das Hörgerät und seine Rückopplung orientiert sich in Harmonik und Melodieführung aber im Unterschied zu Lohengrin weniger an Wagner als viel mehr an Stockhausen oder Messiaen.

Applaus. Die Oper ist aus, Lohengrin ist verschwunden, seine Ische, Elsa, ihr zwielichtiger manipulierbarer Patenonkel, Friedrich, und dessen machtgeile Olle, Ortrud, sind tot – endlich. Das Orchester ist in jeder Hinsicht am Ende und wendet sich im Applaus dem Gehen, denn es harrt des wartenden Bieres in der Schauspielkantine. Während sich Sänger, Chor und Dirigent auf der Bühne wilde Verbeugungsorgien liefern, fallen Rentner über mich her, die unbedingtals aller aller erste – noch während des Applauses und während es stockdunkel ist, den Saal verlassen, die Garderobe erreichen und ihren Wagen aus der Garage befreien müssen. Vermutlich müssen sie ihren Herzschrittmacher laden oder Tabletten nehmen und zetitig ins Bett, was man in dem Alter eben so treibt, wenn man es abends mal so richtig hat krachen lassen.

Auch wir wenden uns zum gehen, nachdem wir eisern bis zum Ende applaudiert haben und kommentieren auf dem Weg die Menschen und ihr tragisches Sein. Nicht nur aus soziologischer Sicht – aber vor allem aus dieser – sondern auch aus Musikalischer ist die Oper doch absolut immer ihr Geld, den Aufwand, die Sitten, die Gemeinschaft und die Leidenschaft wert.

Albert Schmelzkäs

Die Pandemie in unseren Köpfen

Das Coronavirus ist nichts Neues. So gut wie jeder auf dem Globus hat jetzt alle Fakten, Halbwahrheiten und „Fake News“ oder (wie ich es altmodischer Weise gerne nenne) Lügen mitbekommen.

Wir hatten Monate der Verharmlosung, Januar und Februar und Monate der Hysterie, März und April. Einen Lockdown, der in keinem Gesetz existierte und in einer Windeseile über uns hereinbrach, dass ich mich frage, wie wenige Tage eine AfD oder andere Antidemokraten für die Durchsetzung eines erneuten Ermächtigungsgesetzes bräuchten, wenn die Hürden, um Grundgesetze – also die absolut essentiellsten Rechte wie Freiheit, Selbstbestimmung und Würde des Menschen – mal eben ganz locker in Frage zu stellen und in erschreckend weiten Teilen auszusetzen, so gering sind. Um den Missbrauch solcher Gesetze zu verhindern befinden wir uns in einem Staat mit Gewaltenteilung und einer behäbigen Bürokratie. Die Mühlen der Gerichte mahlen langsam, aber stetig und unaufhaltsam. Der NSU-Prozess hat beispielsweise über 5 Jahre von Eröffnung bis Verurteilung gedauert. Alle Aspekte ganz exakt zu erörtern ist ein zeitaufwändiger Luxus, der schlichtweg die Demokratie schützt.

In einem solchen Krisenfall wie 2020 muss es aber natürlich schnell gehen. Der Staat muss schnell Entscheidungen treffen und er muss jeden Tag eine neue Risikobewertung der Situation vornehmen und die Maßnahmen anpassen. Tatsächlich darf die Regierung aber nicht „einfach mal eben so“ einen Großteil der Grundrechte ohne jede juristische Einschätzung und Überlegung aussetzen, aber sie tut es. Noch irritierender ist, dass das alles nicht durch demokratische Parlamentsentscheidungen und Debatten, sondern praktisch per Dekret angeordnet wurde. Nachdem sich der Großteil der Deutschen für einen Lockdown ausgesprochen hat – ein für meinen Begriff bedauernswerter Teil der Deutschen, der sich des Wertes des Grundgesetzes in keiner Weise bewusst ist, hat sich eben dieser Teil erdreistet, den Lockdown noch und nöcher wortwörtlich mit der Sentenz zu begründen:
„Damit es die Uneinsichtigen, die trotzdem rausgehen verstehen und bestraft werden!!!“

Mit dieser „Begründung“, also mit blankem, schwachsinnigen Populismus, Polemik, Neid und ekelhafter Rachsucht wurde jetzt auch die Maskenpflicht gefordert – und sie kam. Von Januar bis Anfang April durfte ich mir von Virologen, Epidemiologen und Ärzten anhören, dass das absolut lächerlich sei und dass diese Maßnahmen in anderen Ländern ein schlechter Witz und unnötige Schikane der Bürger seien. Seit zwei Wochen heißt es nun zusammengefasst:

„Ja, also, ähm, es kann unter Umständen schon durchaus eine leicht verzögernde Wirkung bei der Virus-Übertragung eintreten – irgendwie – also natürlich nur, wenn man andere infizieren kann, Gesunde schützt das natürlich nicht (wäre ja auch zu schön) – aber es wirkt auch nur, wenn man die Maske vor jedem Tragen wäscht und sterilisiert, wenn sie absolut dicht am Gesicht anliegt, wenn trotzdem jederzeit der Mindestabstand eingehalten wird, wenn die Maske immer nur kurz getragen wird, um die Virenkonzentration gering zu halten, wenn sie mit genug Abstand von anderen Menschen auf- und abgesetzt wird, wenn die Maske nicht zwischendurch abgesetzt oder berührt wird, wenn die Maske nicht durchfeuchtet ist, wenn vor dem Aufsetzen und nach dem Abnehmen die Hände gründlich gewaschen werden, wenn, wenn, wenn…“

Mir fällt selbst unter den Hardcore-Hypochondern meines Freundeskreises niemand ein, der Masken so handhabt und in diesem Fall geht die Wirkung eben nahezu gegen null. Außer man besorgt sich FFP-2- oder -3-Masken, wobei das eine bodenlose Unverschämtheit ist, weil Krankenhäuser so schon große Not leiden und die einzigen sind, die solche Masken wirklich brauchen.

Für die vielen Schwachköpfe, die es immernoch nicht verstehen, ganz konkret: Die Maske schützt niemandem davor, sich zu infizieren. Unter sehr unwahrscheinlichen Umständen, kann sie dazu beitragen, das Risiko andere zu infizieren zu senken. Wer die Maske im Auto trägt begeht eine Ordnungswidrigkeit, Vermummung am Steuer, und der macht die Maske nutzlos, weil sie dann schon vollständig kontaminiert ist.
Des Weiteren: bei aller berechtigten Kritik an der juristischen Schwachsinnigkeit aller Umstände, bitte nicht in krude Verschwörungstheorien verfallen! Nur weil man behauptet, die Chinesen, Bill Gates, Pharmakonzerne oder jüdische Echsenmenschen stecken hinter dem Virus, wird dieser himmelschreiende Blödsinn nicht wahrer und verfassungskonformer.

Wie die letzte Forsa-Umfrage ergeben hat, sprechen sich 88 Prozent der Bürger für diesen unnützen Quatsch aus, weil sie sich trotz der eindeutig dagegen sprechenden Faktenlage in einer absolut trügerischen Sicherheit wähnen, die nicht existiert. (Viele sind inzwischen augenscheinlich der festen Überzeugung, der Sicherheitsabstand ist vernachlässigbar, wenn man die Maske auf hat.) Und so sind auch große Teile des Volkes der Meinung, ihren Mitmenschen die Maske vorschreiben zu können.

Auch hier ist die „Begründung“ allzu oft: „Damit es die Uneinsichtigen verstehen und bestraft werden!!!“

Mit der selben Argumentation könnte man Strafen für Sex ohne Kondom einführen, weil man eine HIV-Infektion riskiert, weil keiner der Partner mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass er gesund ist, weil es kein Heilmittel gibt und weil die Mortalitätsrate, wenn die Infektion unbehandelt bleibt, nicht wie bei Corona in Deutschland bei 3-4%, sondern bei nahezu 100% liegt.
Weltweit haben ganz nebenbei 37,9 Millionen Menschen HIV, nicht mal ein Viertel hat Zugang zu Medikamenten und dafür interessiert sich doppelmoralistischer Weise auch kein Schwein. Wenn wir mit Corona so wie momentan umspringen und Menschen nutzlose Masken vorschreiben, wieso dann nicht auch ungeschützten Sex kriminalisieren? Dafür gäbe es nämlich tatsächlich Gründe und Kondome sind Maßnahmen, die nachweislich wirken – ganz im Unterschied zur Gesichtsmaske.

Jetzt mögen Einige schreien „Mimimi, aber das ist doch Whataboutism!“ und ja, das ist es ganz gewiss, aber ich nenne es lieber ‚Vergleich im Hinblick auf Verhältnismäßigkeit‘ und der ist unabdinglich, wenn man dabei ist, das Grundgesetz mit Füßen zu treten.

Hier will ich feststellen:
Es gibt kein Recht und keine Rechtmäßigkeit, anderen ihre Gesundheit vorzuschreiben. Der Schutz des Lebens steht nicht über der Würde des Menschen und der Selbstbestimmung. Wenn das so wäre, dürfte selbst wenn es die Mutter das Leben kostet nicht abgetrieben werden, dürfte es keine Sterbehilfe geben und dürften lebenserhaltende Maßnahmen im Wachkoma – einer ewigen Qual – selbst dann nicht beendet werden, wenn der Patient eine Verfügung geschrieben hat, die es befiehlt. Und auch Suizid müssten wir verbieten und „Täter“ missglückter Suizidversuche verurteilen und in Psychiatrien inhaftieren. Solch inhumaner Humbug ist nicht mit der Menschenwürde zu vereinbaren, da dürften sich hoffentlich alle einig sein. Und genauso darf es keine Masken- und keine Impfpflicht geben.

Natürlich sollte sich um Gottes Willen jeder verdammt nochmal impfen lassen, sobald es einen Impfstoff gibt (der wirkt im Gegensatz zu Masken immerhin definitiv), alles andere ist schlichtweg wahnsinnig dumm – und selbstverständlich sollen die hypermoralistischen Hypochonder sich gerne in der Öffentlichkeit mit Masken zeigen, wenn es die Last ihrer Existenz erträglicher macht, nur Vorschreiben ist eben Geschmacksache, wenn einem die Verfassung dieses Landes auch nur im Entferntesten etwas wert ist.

Aber wir haben die Maskenpflicht und den Lockdown nunmal, diesen ganzen Irrsinn, der kaum zu rechtfertigen ist. Und damit das auch alles so schön bleibt haben wir die drei wichtigsten Institutionen zur Volksüberwachung:
Die deutsche Polizei, deutsche Verwaltungsbeamte und deutsche Rentner. Der deutsche Rentner (und natürlich absonderlich viele andere, die nichts zu tun haben), die in bester Stasi- (oder Gestapo-?) Manier ihrer Blockwartmentalität frönen und jeden anzeigen, der sich nicht absolut unverdächtig verhält. So hört man auf asozialen Plattformen und in klassischen Medien ständig von Personen, die zu zweit im Park sitzen und von jemand Bekanntem im Vorbeigehen angesprochen werden, woraufhin die üblichen peinlichen Denunzianten der Republik völlig zu unrecht mit Falschinformationen die Polizei alarmieren, die sich gerade dieser Tage durch besonders exzessive Machtdemonstrationen, kruden, realitätsfernen Interpretationen der Sachlage und immer häufiger auch erstaunlichen Rassismus auszeichnet. (Natürlich verhält sich der Großteil angemessen, aber den spreche ich nicht an – für all diejenigen, die nicht verstehen, dass ich nicht anders kann als hin und wieder ganz polemisch zu verallgemeinern, ich schreibe nicht für jede Extrawurst, sondern gegen die Idioten unter den Vielen). Daraufhin kommt der Deutsche Verwaltungsbeamte ins Spiel, der Widersprüche gerne auch ohne deren Prüfung abweist und teure illegitime Geldstrafen einfach so durchdrückt – legal – aber legitim? Nein.

Das alles unter anderem durch einen schwachsinnigen Law-and-Order-Politiker, der sich zum König Söder von Bayern berufen fühlt und den Feistaat mal wieder von der Republik abkoppelt, weil auch Egozentrik nicht vor Krisensituationen Halt macht. Sein populistisches Agieren befeuert die besonders schwachsinnigen Springer-„Journalisten“ der BLÖD-„Zeitung“, die noch mehr Hysterie in die Welt setzen und Söders rechtsfreie Ergüsse zu legitimieren versuchen. (Hier am Rande sei das immer brandaktuelle Niedertracht-Zitat von Max Goldt über dieses Schandblatt empfohlen.) So baden Medien und Politik im gemeinsamen ranzigen Ejakulat und formen mit der Peitsche und ganz ohne Zuckerbrot den Volkswillen, der sie noch mehr anstachelt. Ein ekelhafter, lächerlicher Teufelskreis und genauso problematisch ist, was daraus geworden ist; ein von Hysterie, Angst und Panik geprägtes falsches Volksverständnis der Sachlage und ein genauso radikaler, falscher Volkswille. Und dieser Volkswille darf nicht die alleinige Richtschnur des politischen Handelns sein.

Wir Bürger haben doch immerzu das Gefühl, „die da oben“ hören uns nicht zu.
Es gibt nicht „die da oben“. Wir befinden uns in einer Demokratie; alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. „Die da oben“ sind von uns gewählt, sie kommen aus unseren Reihen und jeder Volljährige kann einer davon werden, wenn er Zustimmung findet. „Die da oben“ bekommen zwar viel Geld (von Verdienen kann nicht immer zu 100 Prozent die Rede sein), aber die Wenigsten können sich vorstellen, in was für einen bürokratischen Apparat dieses Geld fließt und wie knapp bemessen das ist, was übrig bleibt, wenn man sich den Tagesablauf eines Parlamentariers ansieht – was viel zu wenige tun.

Wir denken also immer, „die Politiker“ hören uns nicht zu – doch, das tun sie. Aber Politiker müssen den Spagat zwischen dem, was das Volk will und dem was das Volk braucht fassen und einen Kompromiss herstellen. Sie müssen in diesem Fall den Mittelweg zwischen Freiheit und Sicherheit finden. Natürlich haben die Bürger Angst vor der Pandemie – aber deswegen die Grundrechte harsch einzuschränken bedarf großer Rechtfertigung. Im Normalfall – und das scheinen viele Deutsche vergessen zu haben – gelten die Grundrechte In Deutschland nämlich (für alle, egal welcher Nationalität und Ethnie, rechts wie links; man zündet gefälligst keine Flüchtlingsheime an und man schießt bei G20-Demos nicht auf Polizisten). Und bei Grundrechten heißt es auch „im Zweifel dafür“. Wenn einschränkende Maßnahmen nicht zu 100 Prozent zu rechtfertigen sind, müssen sie sofort abgeschafft werden, was aktuell leider nicht der Fall ist.

Wenn also dieser Volkswille eine solche Beachtung findet, frage ich mich, was passiert wenn tatsächlich eine direkte Demokratie gefordert und eingeführt wird; in dieser Situation wäre nichts leichter. Wenn der Antrag auf Wiedereinführung der Todesstrafe zur Abstimmung käme und die Wähler einen Tag zuvor von einer Kindesvergewaltigung erfahren würden, würden sie genauso kopflos, undifferenziert, inhuman und rachsüchtig abstimmen wie sie im Hinblick auf Maskenpflicht und Lockdown angesichts des Coronavirus skandiert haben.

Dieser Volkswille ist eine gefährliche Macht, die ungeheure Eigendynamik entwickelt und höchstens von Medien gesteuert werden kann.
“Voltaire wusste, dass es eben nicht nur eine Schwarmintelligenz gibt, sondern auch eine Schwarmdummheit, eine Schwarmbösartigkeit und eine Schwarmgemeinheit“, sagte Ferdinand von Schirach einmal. Und so sehe ich es auch, der Volkswille ist wichtig, muss aber durch einen Filter, das Parlament, kontrolliert und abgewogen werden und darf nicht einfach von der Regierung 1:1 umgesetzt werden, wie aktuell.

Der undifferenzierte Volkswille ist der Volkstod.
Die direkte Demokratie ist der Volkssuizid.

König Söder von Bayern baut auf Weisung der Bürger die Demokratie ab.
“Alle Macht geht vom Volke aus“ – bitte nicht.

© Albert Schmelzkäs

Und leider bewegen wir uns momentan mit der direkten Umsetzung der öffentlichen Meinung, die nicht Fakten-, sondern heikelster Weise „Bauchgefühl“-basiert ist, am äußersten Rande, de facto am Rande der direkten Demokratie und schon jetzt können wir die bahnbrechende Gefahr der Bürger gegenüber sich selbst erkennen. Viele ziehen Sicherheit der Freiheit vor. Aber selbst in der totalen Massenüberwachung bzw. dem Lockdown ist niemand vor einem Anschlag bzw. einem Virus sicher. Sicherheit gibt es nicht, höchstens Rechtssicherheit und die lässt sich nur über Gesetze gewährleisten, die unsere Freiheit schützen.

Es ist gut, dass die Regierung den Volkswillen, also die „herrschende Meinung“ zugunsten des Volkes ignorieren kann, es ist nur schade, dass sie es in den richtigen Situationen selten tut.

Ich sehe eine Zeit nach Corona mit einem Vielfachen der bisherigen Arbeitslosen (jetzt sind schon über 10 Mio. in Kurzarbeit), Obdachlosen, Depressiven und einem Vielfachen der Rechtsextremisten, die faschistischen Terror und Linksextremisten, die kommunistischen Terror salonfähig machen wollen und mich graust es zutiefst, wie sich das Volk selbst zu Grunde richtet, aus Angst, Hysterie und Leichtsinn. Unter dieser Krise werden die Menschen, die Wirtschaft und vor allem die Demokratie und Freiheit leiden und wir müssen alles daran setzen, diese vor dem Untergang zu bewahren.

Albert Schmelzkäs

Langeweile, der Schlüssel zur Kindheit

Titel hier eingebenLangeweile, der Schlüssel zur Kindheit

Wir sind es gewohnt, dass Wasser aus der Leitung kommt, dass Strom aus der Steckdose kommt und dass wir Essen kaufen können, wenn der Kühlschrank vor Leere gähnt. Wenn die Stadtwerke einen Tag das Wasser oder den Strom abstellen oder wenn am Ende des Geldes noch eine Menge Monat ist, dann merken wir, wie wichtig uns diese Standards sind. Ohne geht es eben nicht.

Genauso sieht es mit sozialen Standards aus. Wir sagen „Hallo“, „Bitte“, „Danke“, „Tschüss“ und halten anderen die Tür auf. Wir kümmern uns rechtzeitig um das, was zu tun ist und bemühen uns, es gut zu machen oder wenigstens in Ansätzen so aussehen zu lassen. Und der Schlüssel zu diesen Gewohnheiten liegt natürlich in der Erziehung. Aber immer öfter sehe ich absurde Elterndarsteller, die mit der Existenz ihrer Zöglinge wie mit ihrer Eigenen vollkommen überfordert sind.

Kinder brauchen eine Kindheit, in der sie sich und damit vor allem Ihre Persönlichkeit, Ihren Stil, ihren Ausdruck und ihre sozialen Fähigkeiten entwickeln. Sie müssen spielen; sie müssen lernen, was durchaus nahezu immer Hand in Hand miteinander geht. Sie müssen malen, zeichnen, lesen, singen, Sport machen und an die frische Luft und der einzige Weg, der dazu führt, ist Interesse.

Aber will ein Kind malen, wenn es gleichzeitig auch rumgammeln und auf einem Smartphone oder Tablet den Nachmittag verdaddeln kann? Will ein Kind ein Buch lesen oder sich ein Bilderbuch ansehen, wenn es doch vor einem Katarakt von quietschbuntem Plastikspielzeug Koreanischer Pädofaktur steht und sich nicht entscheiden kann, welches denn heute zur Belustigung am genehmsten sei.

Puppen, denen das Kind nicht mehr durch Dialoge Leben einhaucht, weil sie inzwischen vorgefertigte, von Indern mit guter deutscher Artikulation eingesprochene Pauschalsätze von sich geben, die sich jedes zehnte mal wiederholen, wenn man den Bauch der Puppe drückt.

Spielzeugautos, die inzwischen ferngesteuert sein müssen und natürlich mit funktionierendem V8 mit Abgasen, Lärm und allem, was noch nie dazugehört hat ausgestattet zu sein haben.

Das Tablet, mit Malprogrammen ausgestattet, weil es zu einfach wäre – vielleicht weil es der überforderten vierfachen Latte-Macchiato-Mutti mit Vollzeitjob und fünf Hobbies zu viel Dreck macht, den eben diese Helikoptermami von der Putzfrau (Pardon – “Haushälterin“) beseitigen lassen muss, wenn das Kind mit echten Stiften auf echtem Papier malt.

Statt diese Haptik zu erfahren, die Motorik zu entwickeln, gibt es nur das Geräusch von fettigen Kinderfingern, die auf dem kalten Glasbarren tippen, wischen und „swipen“.

Ein Kind gehört zuerst einmal in ein Umfeld, das unspektakulär ist. Keine PlayStation, keine 3PS-Nitromethan-Verbrenner-Spielzeugautos, kein Tablet im Kínderwagen und nicht mehr Fernseh- als Schlafenszeit; nichts was einfach unverhältnismäßig ist. Zur Entwicklung gehört natürlich auch sowas, wenn das Kind sich dafür interessiert – aber alles zu seiner Zeit und nicht, wie in den USA, schon mit zwei Jahren das Sturmgewehr, „weil es das Kind wollte“.

Nur, wer sich nicht bloß mit Unmaßgeblichem beschäftigt, kann einen genährten Geist hervorbringen.
© Albert Schmelzkäs

Kinder müssen sich auch mal gelangweilt im Raum umsehen, denn sobald sie alles erkundet haben werden sie schon anmerken, dass sie in einem unterhaltungsfreien Kosmos keinen Sinn sehen.

Jetzt ist der Zeitpunkt, um das Kind malen zu lassen. Es soll so viel malen, wie es will und wie es kann. Selbst wenn es so aussieht, als würde es immer nur einen grünen Kreis mit drei roten Punkten malen, die Langeweile lässt die Kreativität aufblühen und irgendwann wird sicher auch ein blaues Viereck auftauchen. Und selbst wenn es nur beim Grünen Kreis mit drei roten Punkten bleibt, sie werden besser, sie werden so, wie sie sich das Kind wünscht und es wird sich entwickeln, selbst wenn es niemand erkennt. Dann kommt die Musik. Einfache Musik, Musik für Kinder, einfache Lieder die es mitsingen oder Summen kann.

Tatsächlich, obwohl ich Mozart auf den Tod hasse, ist er der absolut richtige dafür. Mozart ist spielerisch, einfach und schön (drei Dinge, die ich bei Musik selten abhaben kann) und gleichzeitig doch vielfältig. Ein moderner Popsong basiert auf nicht mehr als sechs, eventuell acht Akkorden. Mit keiner anderen Musikrichtung lässt sich ein Kind effektiver verblöden und auf simple Strukturen polen, wie mit zeitgenössischer Popmusik und allem voran Schlager. Jazz is oft ein guter Weg, aber meist doch zu viel für ein Kind und schon nach kurzer Zeit anstrengend.

Ich persönlich wünsche mir eine Welt, die mehr mündige Bürger beinhaltet, als schwachsinnige Medienzombies, die keinerlei Aufmerksamkeit zeigen; mit AD(H)S, das schon an Autismus grenzt. Eltern sollten sich gut überlegen, ob sie ein Kind „einfach so“ in die Welt setzen und mal gucken wollen, was so passiert, oder ob sie sich auch darum kümmern und zwei Jahrzehnte 24 Stunden am Tag Mühe investieren wollen, um dem Kind zu helfen, einen Sinn und Weg zu finden. Leider sehe ich immer mehr Eltern, die schon so sehr mit sich selbst überfordert sind, dass das Kind ungefähr den Stellenwert einer vertrockneten Topfpflanze einnimmt. Das muss und sollte nicht sein… Ungefähr 100 Milliarden Menschen, die es bisher auf diesem Erdball gegeben hat, haben es auch geschafft, ganz ohne „Unterhaltungs“-, also Verblödungselektronik und asoziale Medien.

Nun, ich schaue einer so positiven wie unwahrscheinlichen Entwicklung sehr freudig entgegen, denn:

Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Aber sie stirbt.

Albert Schmelzkäs

Wer zuerst lacht, hat verloren

Ironie, Sarkasmus und Satire sind dieser Tage wie selten zuvor für viele Menschen unvereinbar mit Moral. Das liegt nicht bloß daran, dass Moral zunimmt, sich gar zuspitzt und in autoritäre Muster verfällt – auch sind Ironie, Sarkasmus und Satire, diese humoristischen Stilmittel keineswegs einer „Verrohung“ oder sittlichem Verfall zum Opfer gefallen (wobei das ja sogar im Prinzip eine Verbesserung darstellte, weil Satire und Humor somit ihre Freiheit, Unabhängigkeit und Fortschritt unter Beweis stellten);
nein, die Menschen werden einfach blöd, humoristisch absolut ungebildet und desensibilisiert.

Das Verständnis und vor allem erstmal das Auffassungsvermögen für feinen Humor ist offensichtlich zur Gänze abhanden gekommen. Man kann keine Anspielungen mehr in die Welt setzen, ohne die Stilmittel dabei so grotesk zu übertreiben, dass es selbst der Letzte und Bekloppteste sofort als Humor identifiziert und selbst dann noch die Pointe mit dem Signal „Vorsicht, das war Satire“ zerschossen wird. (Siehe Jan Böhmermanns satirisches Varoufakis-Mittelfinger-Video, das innerhalb von Stunden, noch bevor es eine Diskussion, Irritation, etc. auslösen konnte – der eigentliche Sinn von Satire – von seinem eigenen Sender aufgelöst und mit dem Flak der Hypermoral vom Himmel geholt wurde.)

Ein sehr flaches Beispiel: „Das hätte es beim Führer nicht gegeben.“

In gebildeter, geistig nicht vollkommen umnachteter Gesellschaft eine durchaus witzige Andeutung, die nicht einmal kommentiert werden muss. Der Satz weist je nach Situation ironisch und sarkastisch auf eine zumeist übermoralisierte Vorstellung von Umgang bzw. Sitte hin, indem ein Nachkriegssprichwort, das damals ernst gemeint war auf ironische Weise umgekehrt wird; im Endeffekt „so genau soll es nicht sein“.

Solches für einen Menschen unserer Zeit begreifbar zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der „Humor“ kann gar nicht plakativ, platt, offensichtlich und grotesk genug sein, um Verständnis hervorzurufen. Erst wenn ein „Witz“ mit „Geht ein Nazi in eine jüdische Kneipe…“ beginnt, versteht der von intellektuell niederer Unterhaltung á la „Big Bang Theory“ oder „Germanys next Topmodel“ verwöhnte Adressat, dass ein so offensichtlicher, bösartiger Antisemitismus und Rassismus nicht sprichwörtlich gemeint sein kann und es sich um Ironie handeln muss (sofern man sich unter Leuten befindet, die in ihren Schädeln Gehirn und keine heiße Luft umhertragen; also auf keinem Pegida-Aufmarsch, AfD-Parteitag oder Geburtstagsfeiern am 20. April).

Wer seinen provokanten Humor nicht gleich als Ironie, Sarkasmus und Satire kennzeichnet, wird von geistig besonders minderbemittelten Personen gerne in die Ecke gestellt, die man eigentlich kritisiert…
© Albert Schmelzkäs

Hegt der Adressat Zweifel oder versteht den Witz erst überhaupt nicht und missinterpretiert den Inhalt als Haltung des Sprechers, gehen die vorgefertigten brav eingeübten vermeintlich antifaschistischen Muster los. (Natürlich sind das je nach Witz auch die Antisexistischen, Antirassistischen, Anti-Antisemitischen oder Antikommunistischen Muster). Die abgespeicherte Hypermoral wird abgerufen und durchexerziert; vollkommen ungeachtet dessen, dass die Meinung und Haltung des Sprechers zu 180 Grad entgegen dem Inhalt des Gesagten steht.

Zumeist sind nämlich diejenigen die größten Moralisten, die geschickt mit Anspielungen umgehen können und diese auch als solche zu interpretieren wissen.

Die von Springer-Medien und RTL-Hartz-IV-Reality-TV geistig Maximalgeschädigten, ergo das doppelmoralistische Bildungs- und Ethikproletariat hingegen – das sind in der Regel die Empörungsgeilen Gaffer, Trolle und Katastrophen-Touristen, zu denen sie ihre Medienblase erzogen hat. Sie verstehen nichts, greifen sofort an, sehen sich selbstverständlich immer im Recht und ansonsten ausschließlich in der Opferrolle.

Um das nicht in den falschen Hals zu bekommen: Bildungsproletariat bedeutet allzu oft Architekten, Konzernvorstände, Redakteure, BWLer etc.. Die alte Mär, dass arme Menschen ungebildet oder dumm sind ist ein Klischee des 15. Jahrhunderts; es gibt genug Gegenbeispiele, die zeigen, dass man keineswegs gebildet, intelligent oder am besten beides ist, wenn man viel Vermögen hat. Höchstens der Zugang zu Bildung ist leichter, was deutlich unfairer ist – (aber ein Thema für einen künftigen Artikel sein soll.)

Ich will eigentlich keine Witze reißen, die mit „Geht ein Nazi in eine jüdische Kneipe“ beginnen, um auf Antisemitismus und meine ablehnende Haltung dazu hinzuweisen. Sie sind schlichtweg langweilig und dumm, werden von den meisten Volltrotteln sowieso falsch verstanden und wörtlich genommen und letzten Endes lebt man dabei sowieso immer in der Angst, dass genau das der Fall ist und man plötzlich als die Sorte antisemitisches Schwein dasteht, die man eigentlich aufs Schärfste verurteilt.

Merke: Bloßer Rassismus oder andere dreckige Gesinnungen werden von keinen Gesetzen geschützt, auch nicht von der Meinungsfreiheit. Wenn sie in einem künstlerischen oder humoristischen Zusammenhang auftauchen hingegen schon. Natürlich gebietet es der Anstand faktisch und schlussendlich keine rassistische, antisemitische o. Ä. Aussage zu treffen, selbst wenn sie erlaubt ist. Seien wir mal ehrlich, der Anteil der Bevölkerung, der Konzentrationslager und Gulags als witzig empfindet, ist glücklicherweise sehr gering und der anständige Rest will von solchen widerlichen Meinungen so wenig es irgend geht mitbekommen.

Aber deswegen darf man nicht vor provokantem Humor zurückschrecken. Solche Witze müssen gerissen werden. Man muss platte Witze mit dem Vorschlaghammer reißen, um überhaupt eine Verständnisgrundlage bei den Adressaten zu schaffen und man muss ihnen zur Not den Sachverhalt jedes mal aufs neue gebetsmühlenartig erklären, bis sie verstehen, dass nichts davon wörtlich gemeint war und es irgendwann auch selbst erkennen. Der Humor, die satirische Freiheit muss zum Wohle der Verfassung und Meinungsfreiheit unbedingt gewahrt werden; und das ist ausschließlich durch Tabubrüche bestehender Moral und vermeintlicher, durch Missverständnisse, von Idioten etablierten Tabus, möglich. Wenn wir eine Hypermoralisierung zulassen und als Normalfall annehmen, dann stehen Blockwartmentalität, „Bürgerwehren“ und zwielichtigen Gesetzesänderungen, also der ganzen braunen und roten Jauche des Faschismus und Sozialismus absolut nichts mehr im Wege.

Nur so – leider – kann man einen freien, sensiblen Umgang mit Humor herstellen;
das feine Florett der Satire, der Ironie und des Sarkasmus wie einen Vorschlaghammer handhaben;
und den schweren, rabiaten, gefährlichen Vorschlaghammer der Tabubrüche locker, präzise und keck wie ein Florett führen.

Albert Schmelzkäs

Der König der Blöden

Mein Schüler ist 13 Jahre alt. Obwohl er nicht dumm und sicher auch kein schlechter Mensch ist, bedauere ich ihn – nicht weil seine Gestalt der einer trächtigen Kuh ähnelt, sondern weil er nicht Ansatzweise über deren Verstand, Aufmerksamkeit oder Interesse gebietet.

Er zeigt alle bedenklichen Merkmale, die eine Erziehung hervorbringt, wenn das Erziehen an Spielekonsolen, Smartphones und Computer outgesourcet wird. Er hat seit fünf Jahren privaten Musikunterricht, seit zwei Jahren bei mir. Sein Niveau ist auf dem Stand eines Schülers, der seit einem halben Jahr sein Instrument spielt. Es ist unbegreiflich. In der ersten Stunde dachte ich „Wie kann jemand so spielen, der schon drei Jahre Unterricht hat; was muss der vorige Lehrer da nur verbockt haben?!“ Es hat sich herausgestellt: Sein erster Lehrer war auch mein erster Lehrer und er ist zwar kein Profi, aber extrem versiert. An ihm lag es nicht.

Mein Schüler zeigt absolut keine Motivation und hat keinerlei Ziele, er versucht so gut es geht jegliche Anstrengungen zu vermeiden. Mir ist unklar, warum er Musik tut. Er tut Musik. Er spielt nicht, dazu ist er nicht fähig. Er übt nicht. Er tut Musik mit dem Instrument – einfach – irgendwie. Er ist halt körperlich anwesend, meistens. Oder so.

Die Odyssee mit diesem Schüler ist ein Drama und ich sollte mich eigentlich schämen, dass ich vollkommen nutzlos so viel Mühe, Arbeit und Geduld investiere, allein weil ich Geld dafür bekomme – wenngleich der Lohn auch nicht ansatzweise die Mühen und meine psychischen Schmerzen entschädigt.

Zu meiner Ehrenrettung will ich ganz nebenbei erwähnt haben, dass mir scheissegal ist, wie jemand aussieht und was für seltsame Wesenszüge er aufweist, solange er seine Mitmenschen anständig behandelt, im Ansatz gebildet oder intelligent oder am besten beides oder – falls keines davon – wenigstens aufgeschlossen und interessiert ist. Es gibt nunmal Menschen, die nicht besonders schnell verstehen und keine Chance auf Bildung hatten, das ist nicht deren Schuld und nicht schlimm und gerade die verdienen es meist, erläutert zu bekommen, was sie interessiert.

Des Weiteren labert er. Er quasselt, quatscht, schwadroniert, fantasiert, schwelgt und labert. Die Themenwahl begrenzt sich dabei auf all das, was den Lebensinhalt eines vollkommen uninteressierten 13-Jährigen Stubenhockers ausmacht, also Schule, Videospiele und die Katze, deren bloße physische Existenz auf Erden anscheinend durch Üben gefähredet ist. Ich habe vor und nach dem Unterricht nichts gegen einen Plausch, auch während des Unterrichts kann man sich mal unterhalten, dann natürlich über Musik. Aber dieser Schüler verfügt auch über keinerlei musikalisches Wissen.

Schlimmer: Er verfügt über kein Interesse.

Und noch schlimmer: Wenn man ihm etwas zeigt, richten sich die beiden Seh-Kugeln in seinem Gesicht oder die hörenden Hautlappen an den Seiten seines Kopfes auf ein Musikvideo, aber sein Geist ist woanders, wenn man das als Geist bezeichnen kann. Und wenn dieser Geist sich doch einmal auf die Nervenbahnen der Sinnesorgane verirrt, dann für maximal drei Sekunden. Er schaut auf das Display, hört tatsächlich kurz zu, dann wird sein Blick glasig und unfokussiert wie der eines Karpfens und irgendwann schaut er einfach weg.

Solange auf dem Display ein Geiger oder ein Pianist zu sehen ist, der einfach spielt – oder wenn sogar mal etwas Dramatisches, Brutales gezeigt wird; Tchaikovsky, Mahler, Shostakovich, also Sinfonien, die von Depression, Tod, Terror und Krieg handeln, auf denen 99% der heutigen Filmmusik basiert – selbst dann ist all das für diesen Schüler vollkommen unerheblich, weil auf dem Bildschirm nichts Explodiert, niemand auf jemanden schießt oder irgendwer röchelnd verblutet.

Die Kinder gewöhnen sich so sehr an diese Dystopie, die Mär von angenehm aufregendem, „schönen“ Terror, die für sie selbst natürlich eine Utopie darstellt, völlig frei von den echten, grausamen Gefühlen, der Angst, der Verzweiflung. Sie sind vollkommen desensibilisiert: Es muss niemanden wundern, wenn man sein überdrehtes Kind literweise mit Ritalin vollpumpen muss, wenn es schon im Kinderwagen auf dem iPad mit Counterstrike-Vlogs zugedröhnt wurde.

Marcel Reich-Ranicki, in dieser Szenerie der Untätigkeit eigentlich absolut deplatziert; eine der wenigen Personen, deren Intellekt ich es aber verzeihen würde, wenn sie ihr Leben so unmotiviert und desinteressiert im Bezug auf Mitmenschen verbringen würde, wie viel zu viele junge Leute heute.

Außerdem hat er zwei Chauffeure, die jederzeit bereitstehen. Mutti und Vati. Mein Schüler wohnt ungefähr 700 m vom Unterrichtsraum entfernt. Er könnte die Strecke in wenigen Minuten laufen. Er könnte sie in noch weniger Minuten mit dem Rad fahren. Aber natürlich kann er mich auch sitzen lassen und drei Minuten nach Unterrichtsbeginn eine SMS schicken, dass er es nicht schaffe, weil ihn niemand fahren könne, denn es sei keiner zu Hause.

Wie schon erwähnt, ich diskriminiere ungern Menschen, nur weil sie die Schöpfung „groß“ gedacht hat, was eine gewisse körperliche Behäbigkeit mit sich zieht. Ich diskriminiere aber sehr gerne und aus tiefstem Herzen Menschen, deren Behäbigkeit auf ihr soziales Verhalten abfärbt und sie respektloser Weise davon ausgehen, dass das eine Ausrede für Faulheit darstelle.

Ich wäre ja froh, wenn mein Schüler ab und zu Interesse zeigen würde. Aber da ist es wohl zu spät, drei Smartphones und eine PlayStation zu spät.

Glücklicherweise habe ich erkannt, dass ich absolut keine Lust auf Lehren habe und meine Zeit ungern damit verschwende, vielleicht einen von zehn Schülern auf Niveau für eine Hochschule-Aufnahmeprüfung zu bringen, um dann das Talent wegzuwerfen und Physik zu studieren. Es ist wirklich schade, ich unterrichte zwar extrem ungern, aber es gibt einmal alle tausend Jahre – wenn alle Sterne in einer Reihe stehen – Schüler, die wirklich Hoffnung auf den Nachwuchs machen und wirklich toll erzogen, aufrichtig und motiviert sind.

Leider sind das die glänzenden, fleißigen, interessierten – absoluten Ausnahmen.

Albert Schmelzkäs

Das Kacken der anderen

Die Deutschen sind zu blöd zum Kacken. Es kann nicht anders sein. Wieso sonst sollten sie Klopapier (und Desinfektionsmittel) in Krisensituationen hamstern und horten wie nicht recht gescheit – und nicht einfach Nahrung? Es lässt sich nur spekulieren, was sie damit anstellen.

Ob sie es wohl nicht mehr gewohnt sind, zum abwischen „deutsch“, also „anständig“ einmal zu Falten, sondern das fünflagige parfümierte Papier zehnfach nehmen, damit ja nichts von den bösen bösen Bakterien und Viren an der Hand hängen bleibt?

Oder bleibt vielleicht sogar die sexuelle Befriedigung durch den Partner auf der Strecke und sie führen sich die Klorollen ein, weil man den Durchmesser durch Abwickeln so schön an die Analverkehr-Erfahrung anpassen kann. Das dürfte allerdings nicht ganz angenehm sein, ich weiß das, immerhin habe ich ein Arsenal von Silikon-Nachbildungen der männlichen Intimsphäre und schon das eine oder andere Körperteil, das nicht direkt als Geschlechtsorgan zu bezeichnen wäre in mir gehabt und das kann schnell etwas anstrengend und ruppig werden – da ist Klopapier überhaupt nicht sehr empfehlenswert.

Eine weitere These könnte sein, dass sich diese traurigen Gestalten – trotz aller körperlichen Strapazen – die Rollen im Ganzen einführen, schlicht um ihre durch Isolation und Abstinenz bedingte innere Leere kompensieren zu können.

Für viele ein Ding der Unmöglichkeit:
Sich der vermeintlichen Unvereinbarkeit von Denken und Stuhlgang entgegenstellen
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© Albert Schmelzkäs

Aber von diesen Spekulationen ganz abgesehen, was immer man auch mit palettenweise Klopapier anstellt; es kann nicht gut sein. Weder für die Darmwand, noch die innere Leere, aber vor allem auch nicht ganz für die Umwelt. Ich bin nun wirklich der allerletzte Mensch auf Erden, der Verständnis oder auch nur in Ansätzen Toleranz für das Personal, die Agenda und die Existenz einer Partei eines Hofreiter-Toni und eines sexy Habeck aufbringen kann, aber Fakt ist auch, dass drei Viertel der Weltbevölkerung kein Klopapier nutzen und/oder haben. Ob das der nomadische afrikanische Ureinwohner hinter einem Busch inmitten der Steppe oder ein japanischer Bankier auf seiner Hightech-Toilette mit Arschheizung, Rosettendusche, Kimmenföhn und Rüttelfunktion für besonders hartnäckige Verstopfung ist:

In großen Teilen Asiens, in Afrika, Südamerika und im nahen Osten wäscht man sich den Arsch mit Wasser. Und danach die Hände. Man verschwendet nicht tonnenweise Papier und ist (so man kein Hightech-Robo-Scheißhaus besitzt) sogar gezwungen, sich danach die Schmuddelfingerchen mit reichlich Seife zu kärchern. Den Skeptikern kann ich nur sagen: Ich schiebe vormals erwähnte Silikon-Penisnachbildungen natürlich nicht „einfach so“ in mich. Davor steht die Räumung, mit reichlich Wasser. Das geht schnell, ist bei JEDER „Konsistenz“ angenehm und vor allem auch Hilfreich bei faustgroßen, offensichtlich versteinerten Rosenkohlfossilien. Ich weiß also sehr genau, wovon ich rede.

Wer also glaubt, dass der Weltuntergang droht, wenn er kein Klopapier mehr hat, dass Toiletten nicht mehr nutzbar sind und er nicht an einem Virus sterben kann, weil ihn schon sein geplatzter Darm Wochen im Voraus erlegt haben wird – meine gute schwule Erziehung und ich (und ein paar Milliarden andere), wir sind auch mit einem Schlauch und warmem Wasser bestens bedient und können das im Falle eines tatsächlichen Armageddon wärmstens empfehlen.

Albert Schmelzkäs